Pleite der Silicon Valley Bank: die neusten Entwicklungen (2024)

Die neusten Entwicklungen

In den USA sind seit Jahresbeginn mehrere Regionalbanken kollabiert. Es ist die grösste Bankenpleite seit der grossen Finanzkrise. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

NZZ-Redaktion

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Pleite der Silicon Valley Bank: die neusten Entwicklungen (1)

Die neusten Entwicklungen

  • Die Krise bei den amerikanischen Regionalbanken spitzt sich zu. Im frühen Handel an der Wall-Street sackte die Aktie der PacWest Bancorp am Donnerstag (4. 5.) um bis zu 49,7% ab, nachdem das Institut bestätigte, seine strategischen Optionen zu prüfen. PacWest liess wissen, in letzter Zeit seien «mehrere potenzielle Partner und Investoren an das Unternehmen herangetreten». Die Gespräche liefen noch. «Das Unternehmen wird weiterhin alle Optionen prüfen, um den Wert für die Aktionäre zu maximieren», hiess es weiter. Auch die Aktien von Western Alliance verloren über 43%, nachdem die «Financial Times» berichtet hatte, dass die Regionalbank strategische Optionen prüfe. Die Bank wies den Bericht als «absolut falsch» zurück.
  • Die ins Straucheln geratene kalifornische Bank First Republic wird vom Finanzkonzern JP Morgan Chase übernommen.Zunächst wird die amerikanische Einlagensicherung FDIC Treuhänderin des Institutes, wie die kalifornische Finanzregulierungsbehördeam Montag (1. 5.) mitteilte. JP Morgan übernimmt demnach im nächsten Schritt First Republic mit allen Einlagen und praktisch allen Vermögenswerten. Zum Bericht.
  • US-Präsident Joe Biden will wieder schärfere Auflagen für Geldhäuser und damit eine Rücknahme von Erleichterungen seines Vorgängers Donald Trump. Biden fordere die Bankaufsichtsbehörden unter anderem auf, die Liquiditätsanforderungen für kleinere Banken zu erhöhen, teilte das Weisse Haus am Donnerstag (30. 3.) mit. Ausserdem sollten diese sich wieder jährlichen Stresstests unterziehen müssen und umfassende Abwicklungspläne vorlegen.«Ich möchte betonen, dass sich die heutige Ankündigung auf Massnahmen konzentriert, die im Rahmen des bestehenden Rechts umgesetzt werden können», sagte ein Regierungsvertreter. Es brauche dafür keine Zustimmung des Kongresses. Die Regierung habe bereits Gespräche mit den zuständigen Aufsichts- und Regulierungsbehörden geführt.Im Jahr 2018 hatte der US-Kongress den Weg für eine Rücknahme wesentlicher Teile des sogenannten Dodd-Frank-Gesetzes freigemacht, das erneute Bankenpleiten nach der Finanzkrise 2008 zulasten der Steuerzahler verhindern sollte. Trump hatte der Finanzlobby versprochen, die 2010 verabschiedeten Regeln zurückzudrehen.

Inhaltsverzeichnis

  • Was ist passiert?
  • Was passiert mit den Kundengeldern?
  • Müssen die Steuerzahler einspringen?
  • Was sind die Ursachen für die Bankenkrise?

Was ist passiert?

Am Freitag (10.3.) kollabierte die Silicon Valley Bank (SVB). Sie spezialisierte sich auf das Geschäft mit Startups und Risikokapitalgebern. Die Aufsichtsbehörden schlossen die zur SVB Financial Group gehörende Bank und konfiszierten sämtliche Vermögenswerte. In den Stunden zuvor hatten die Anleger versucht, rund ein Viertel der zuletzt bekannten Einlagen (mehr als 42 Milliarden Dollar) abzuziehen. Eine Notkapitalerhöhung scheiterte. Die amerikanische Einlagensicherung Federation Deposit Insurance Corporation (FDIC) übernahm die Führung.

Zwei Wochen nach dem Kollaps der SVB teilte die amerikanische Einlagensicherung FDIC am Montag (27.3.) mit, dass die First Citizens Bank die SVB kaufen wird. Die First Citizens Bank übernehme Vermögenswerte in Form von Einlagen und Krediten. Andere Vermögensbestandteile, vor allem Wertpapiere, bleiben unter FDIC-Kontrolle. Wäre eine ganz oder teilweise Übernahme der SVB nicht zustande gekommen, hätte die Liquidation gedroht. Am 17. März hat auch der ehemalige Mutterkonzern der kollabierten Silicon Valley Bank, die SVB Financial Group, Konkurs beantragt.

Bei der Pleite der SVB handelt sich um den grössten Kollaps einer Bank seit der Finanzkrise von 2008. Damals waren Geldinstitute in Schieflage geraten, weil sie sich am amerikanischen Hypothekenmarkt verspekuliert hatten. Daraus entwickelte sich die Finanzkrise, in der weltweit Banken, in der Schweiz die UBS, aufgefangen wurden.

Der Zusammenbruch der SVB löste vor allem im amerikanischen Finanzsektor ein Nachbeben aus. In der Folge kollabierten mit der Silvergate Capital Corp. – eine Spezialistin im Krypto-Bereich – und der Signature Bank zwei weitere Banken.

Mit der kalifornischen First Republic Bank geriet im April eine weitere mittelgrosse Bank in Existenznot. Sie konnte sich wochenlang über Wasser halten, weil sie mit 30 Milliarden Dollar von amerikanischen Grossbanken gestützt wurde.

Anfang Mai wurde die First Republic Bank offiziell von den Aufsichtsbehörden übernommen, die sie im Rahmen eines staatlich eingefädelten Deals an . Das Eingreifen der Aufsichtsbehörden bei der First Republic Bank hatte sich aufgedrängt, nachdem diese sehr hohe Abflüsse von Kundeneinlagen vermeldet hatte. Die Aktien des noch bis vor kurzem als renommiert geltenden Finanzunternehmens fielen nach der Bekanntgabe dieser verheerender Zahlen noch einmal stark: Die Verluste des Banktitels in diesem Jahr beliefen sich auf 97 Prozent.

Wenige Tage später geriet mit der Pacific Western Bank (PacWest) ein weiteres, etwas kleineres Institut in Schieflage. Die Aktie sackte am Mittwoch im nachbörslichen Wall-Street-Handel zeitweise um 60 Prozent ab. Die Bank prüfe unter anderem einen Verkauf, berichtete Bloomberg am Donnerstag (4.5). Sie wäre bereits die fünfte Regionalbank in den USA, die seit Jahresbeginn kollabiert. Auch die Aktien einiger weiterer Regionalbanken gerieten wegen der um sich greifenden Verunsicherung unter Druck, wenn auch nicht gleich stark wie die Titel der Pacific Western Bank.

Lesen Sie dazu: Eine kleine Bankenpanik: Sie ist auch Folge der viel zu laxen Geldpolitik der US-Notenbank Fed

Was passiert mit den Kundengeldern?

Bei der SVB hatten Einleger laut den Behörden seit Montag (13.3.) Zugriff auf «ihr gesamtes Geld». Zunächst war davon ausgegangen worden, dass die SVB-Kunden vorerst nur ihre versicherte Summe zurückerhalten würden (250000 Dollar sind garantiert).

Um aber Anleger und Bankkunden zu beruhigen und einen Flächenbrand zu verhindern, erklärten am Krisen-Wochenende von Mitte März das Finanzministerium, die Notenbank und die FDIC, dass Einlagen bei der SVB und weiteren Instituten geschützt würden. Damit konnten SVB-Kunden und die Klienten der ebenfalls unter Aufsicht gestellten Signature Bank auf «all ihre Gelder» zugreifen. Die ursprünglichen SVB-Aktionäre verloren allerdings ihren Kapitaleinsatz.

Bei der First Republic Bank kündigten die FDIC und die kalifornischen Aufsichtsbehörden ähnliche Massnahmen an. Im Rahmen ihrer Umsetzung werden auch die First-Republic-Aktionäre alles verlieren, während die gesamten 93,5 Milliarden Dollar an verbliebenen Einlagen und die meisten der Vermögenswerte an JP Morgan gehen. Dazu zählen Wertpapiere mit einer Bewertung von 30 Milliarden Dollar und Kredite in Höhe von 173 Milliarden Dollar.

Im Rahmen der jüngsten Bankenkrise legte die amerikanische Notenbank Fed ein neues Kreditprogramm zur Versorgung der Banken mit Liquidität auf: das Bank Term Funding Program (BTFB). Dieses erlaubt es Geldinstituten, bei der Notenbank Kredite mit einer Laufzeit von bis zu einem Jahr aufzunehmen, falls sie amerikanische Staatsanleihen, verbriefte Hypothekenpapiere oder andere Sicherheiten hinterlegen. Die Massnahmen sollen einen Ansturm auf die Banken vermeiden, der das Risiko einer Finanzkrise erhöhen könnte.

Lesen Sie dazu: Pleite der Silicon Valley Bank: Droht eine neue Finanzkrise?

Müssen die Steuerzahler einspringen?

Das amerikanische Finanzministerium und das Fed wiesen die Interpretation zurück, dass die Banken durch die beschlossenen Massnahmen und das BTFB-Programm staatlich gerettet werden. Vielmehr würden Aktionäre und bestimmte ungesicherte Gläubiger leer ausgehen, das Management sei entlassen worden.

Eine Rettung auf Kosten der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler schloss die amerikanische Finanzministerin Janet Yellen explizit aus. In der Finanzkrise vor einigen Jahren sei die Regierung zwar auf diese Weise eingeschritten, sagte Yellen am Sonntag (12.3.) dem Fernsehsender CBS. Sie betonte aber: «Das machen wir nicht noch einmal.»

Die Regierung stufte sowohl die SVB als auch die Signature Bank als systemrelevant ein. Mit der Konsequenz, auch für bisher nicht versicherte Einlagen garantieren zu können.

Lesen Sie dazu: Das Fed garantiert die Einlagen der Silicon Valley Bank und der Signature-Bank. Die Behörde ist mit schuld an den Turbulenzen der vergangenen Tage

Was sind die Ursachen für die Bankenkrise?

Die gescheiterten Regionalbanken wiesen oft ähnliche Schwierigkeiten auf. Sie waren in den letzten Jahren rasch gewachsen und legten einen grossen Teil der neuen Kundengelder in US-Staatsanleihen an; oftmals aber, ohne deren Wert gegen das Risiko einer Zinsänderung abzusichern. Weil die US-Notenbank seit 2022 ihren Leitzins stark erhöhte, verloren diese Staatsanleihen deutlich an Wert.

Die Buchverluste auf diesen Anleihen wurden für die Regionalbanken erst mit Verzögerung zum akuten Problem, als ihre Kunden nervös wurden und ihre Gelder abzuziehen begannen. Dann nämlich mussten die Banken die Staatsanleihen mit Verlust verkaufen, um den Kunden die Kontoguthaben auszuzahlen.

Weil einige der betroffenen Regionalbanken viele vermögenden Privatpersonen und Firmen als Kunden hatten, die deutlich mehr als die durch die Einlagensicherung abgedeckten 250000 Dollar auf dem Konto hielten, griff die Vertrauenskrise bei ihnen besonders schnell um sich. Diese Krise begann bei der SVB, bei welcher das Missverhältnis aus verlustträchtigen Anleihen und instabilen Kundeneinlagen am grössten war. Die SVB steckte die anderen Banken, die ihr in gewisser Hinsicht ähnelten, aber recht schnell an. Nicht betroffen von der Krise sind derzeit die grossen US-Banken.

Am Freitag (28.4.) veröffentlichten die Notenbank Fed, die Einlagensicherung Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) und das Rechnungsprüfungsamt der Regierung (GAO) ihre Untersuchungsberichte zu den jüngsten Bankenpleiten.

Vorsätzliches Missmanagement, bonusorientierte Gier in den Chefetagen sowie übermässige Risikobereitschaft werden darin unter anderem als Ursachen für die Pleiten der Silicon Valley Bank, der Signature Bank und der Silvergate Capital Corp. genannt.

Das Fed räumt aber auch eigene Fehler ein. Seine eigene Aufsicht habe es versäumt, die Risiken anzugehen, die schliesslich zum Zusammenbruch der Silicon Valley Bank geführt haben – dem Auslöser der ganzen Krise. Die Untersuchung kommt zum Schluss, dass die Aufsichtsbehörden in diesem spezifischen Fall «nicht energisch genug gehandelt» hätten.

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Pleite der Silicon Valley Bank: Droht eine neue Finanzkrise? In den USA schlossen die Behörden die Silicon Valley Bank, nachdem die Kunden massenhaft ihre Einlagen zurückgezogen hatten. Es ist die grösste Bankenpleite seit der grossen Finanzkrise. Trotzdem ist nicht sicher, dass sie die Vorläuferin für die nächste Episode dieser Art ist. Aber erste negative Konsequenzen zeigen sich zum Beispiel in der Krypto-Szene.

Christof Leisinger, New York

5 min

Das Silicon Valley ist schockiert – die kollabierte SVB war ein jahrzehntealter Teil des Startup-Ökosystems Seit Monaten häufen sich die schlechten Nachrichten für Startups im Silicon Valley. Nun verlieren sie mit der SVB auch noch einen vermeintlich verlässlichen Finanzierungspartner. Betroffen sind nicht nur Jungfirmen in den USA.

Marie-Astrid Langer, Austin

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Kommentar Eine kleine Bankenpanik: Sie ist auch Folge der viel zu laxen Geldpolitik der US-Notenbank Fed Der Untergang der Silicon Valley Bank schickt Schockwellen um die Welt. Es ist der zweitgrösste Bankenkollaps in der Geschichte der USA. Und die Geldpolitik ist an den Verwerfungen nicht unschuldig.

Christoph Eisenring

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